Aromatisierte Medikamente für Hunde: Pet Peeve oder Gefahr?
Auf dem Foto von unten nach oben:
1. Nicht-steroidaler Entzündungshemmer (NSAID): Schmerzmittel mit Hickory-Räucheraroma
-> darf auf keinen Fall von unserem Cortison-Patienten gefressen werden
2. Opioid-Analgetikum: Schmerzmittel mit Hühneraroma
-> sollte nicht von unserer Nierenpatientin gefressen werden (und in der verwendeten Dosierung auf keinen Fall!)
3. Kardiovaskuläres Therapeutikum: Herzmedikament mit Leberpulver-Aroma
-> sollte außer von der Herzpatientin von keinem gefressen werden
Medizin muss nicht bitter sein...
Hier leben Hunde, die im Laufe ihres Lebens verschiedene Medikamente eingenommen haben und/oder jetzt gelegentlich oder dauerhaft einnehmen müssen. Weil das nicht nur bei uns so ist und die Pharmaindustrie es mit den Besitzern von weniger verfressenen Hunden gut meinte, hat man irgendwann beschlossen, Aromastoffe zur besseren Akzeptanz in Medikamente für Hunde (und Katzen) zu mischen. Und dabei die Vierbeiner um eine Scheibe Extra-Wurst betrogen, in die man früher die Tablette gewickelt hat.
Ganz klar ist es ein großer Vorteil, wenn man bei einem sowieso schon moppeligen Hund auf zusätzliche Kalorien verzichten kann, weil er die Tablette einfach so frisst. Aber hier endet die Liste der Vorteile, die ich erkennen kann, dann auch schon. Ein Stückchen Kochschinken, die winzige Portion Leberwurst oder Streichkäse (oder was auch immer der Hund sofort und gerne annimmt), hat nun wirklich noch keinen Hund übergewichtig werden lassen – sogar bei dauerhafter Medikamentengabe nicht.
...ist aber trotzdem kein "Leckerchen".
Selbst wenn es Tricks* brauchte, weil der Vierbeiner die Sache mit der versteckten Tablette durchschaut hatte, ist bisher noch jede Medizin im Hund gelandet, die ich dort haben wollte. Außer die aromatisierten Tabletten. Deren Einnahme wurde nicht nur strikt verweigert – sie wurden auch sofort erschnüffelt, wenn sie in etwas Leckerem eingepackt waren. Um der Wahrheit gerecht zu werden: Das betraf bisher nur einen einzigen Hund in diesem Haushalt. Bei den anderen habe ich das umgekehrte Problem...
...und da sehe ich das wirklich große Risiko: Wenn ich ein Medikament so "lecker" und attraktiv mache, dass es gern und problemlos angenommen wird, muss ich dieses ganz besonders sicher verwahren! Für unsere Hunde mit ihrem exzellenten Geruchssinn reicht ein winziger Rest Tablettenstaub in einem geöffneten Blister aus, um die ganze Packung unwiderstehlich zu finden. Welche Maßnahmen bei einer Überdosierung** angezeigt sind, steht dann im Beipackzettel, den der Hund hoffentlich nicht gleich mitgefressen hat – von der Blisterverpackung ganz zu schweigen.
Vorsicht ist die Mutter der Medizinkiste
Natürlich kann (und muss) ich Medikamente ordentlich und umsichtig aufbewahren. Selbstverständlich gibt es Hunde, die sich niemals selbst bedienen würden, selbst wenn der "Keks" (ein aromatisiertes Arzneimittel) direkt vor ihrer Nase liegt. Oder die etwas, das heruntergefallen ist, nicht sofort fressen. Weil es aber einfach auch unachtsame Momente und Hunde gibt, die das Genannte eben doch tun und weil man einem Welpen all das erst noch beibringen muss, halte ich aromatisierte Arzneimittel zur Erhöhung der Akzeptanz für wirklich gefährlich.
Mit einem Allergiker, der eine strikte Ausschlussdiät einhalten muss, hat man mit aromatisierten Tabletten gleich ein weiteres Problem: Unter Umständen befeuere ich die Allergie und sabotiere die Ausschlussdiät durch die enthaltenen Zusatzstoffe. In unserem Fall gab es das Humanarzneimittel zum Glück auf Rezept (inkl. Dokumentation der Umwidmung) und ohne Aromastoffe, aber mit Extra-Aufwand für die Tierarztpraxis und die Apotheke. Das ist eine wirklich komplett unnötige bürokratische Belastung, die sich ohne Aromatisierung des tiermedizinischen Präparats gar nicht ergeben hätte.
Aromastoffe in Medikamenten: Der neue Standard?
Leider scheint sich der Trend zur Aromatisierung von Tierarzneimitteln nicht nur fortzusetzen, sondern auch auszuweiten: Wir haben in unserem Haushalt vier unterschiedliche Medikamente verschiedener Hersteller mit diversen Aromastoffen im Einsatz. Ein Hund nimmt seine aromatisierten Tabletten brav ein, ein Hund verweigert die Einnahme ohne "Hilfsmittel" wie Leberwurst komplett und ein Hund staubsaugt sofort und ohne zu zögern alles auf, was ihm zufällig vor die Füße fällt. Da ist außerordentlich gewissenhaftes Management notwendig
Es gibt so viele Möglichkeiten*, eine Tablette erfolgreich in einen Hund zu bekommen, dass das Zufügen von Aromastoffen einfach unnötig ist. Und eine ganze Menge Hunde (nicht nur der oben genannte Einzelfall) nehmen auch die aromatisierten Tabletten nicht einfach so ein. Dafür kommt es viel häufiger vor, dass ein Hund Tabletten gefressen hat, die nicht für ihn gedacht waren oder seine Dosis um das x-fache überschritten hat. Das war zu Zeiten ohne "Hühnchengeschmack" nun wirklich die Ausnahme.
*Die Tricks und Möglichkeiten:
Als Tablettenversteck geeignet sind alle hundetauglichen Lebensmittel, die ein bisschen klebrig sind und sich formen lassen: Leberwurst, Frischkäse, hauchzarte Hühnerbrust in Scheiben, Erdnussbutter, Camembert, Rinderhack o.ä. – es macht die Sache leichter, wenn der Hund wirklich gierig auf das ist, was ich ihm anbiete. Dabei achte ich darauf, dass die Tablette durch Kneten und Formen wirklich rundum eingeschlossen ist und sowohl beim Anreichen als auch im Hundemaul möglichst nicht aus ihrer Verpackung fällt.
Ich bereite eine Tablette mit "Verpackung" (z.B. Wurst) vor. Dann lasse ich den Hund erst an der Wurst (ohne Tablette!) riechen und reiche dann in schneller Folge mehrere Stückchen Wurst – immer noch OHNE Tablette. Nach 3-4 Stückchen reiche ich nahtlos das Stück Wurst MIT der Tablette und sofort wieder ein, zwei, drei Stücke Wurst ohne Tablette. Auch das Zuwerfen der Wurststücke kann hilfreich sein, wenn der Hund beim Füttern aus der Hand schon misstrauisch ist.
In einem Mehrhundehaushalt kann man sich den Futterneid zunutze machen: Der Hund, der die Tablette nehmen soll, bekommt erst nach allen anderen, also als letzter etwas. Hier muss man nur achtgeben, dass die Tablette dann auch wirklich im richtigen Hund landet – das Zuwerfen ist bei mehreren anwesenden Hunden eher unpraktisch.
Beim Herrichten der Medikamente und dem Verpacken lasse ich meine Hunde zuschauen. Und kann dabei schon ein bisschen Appetit anregen, indem ich sie etwas von der Leckerei schlecken lasse. Es gibt Hunde, bei denen das besser nicht gemacht wird, weil sie selbst eine Delikatesse nicht annehmen, wenn sie sehen, dass hier "manipuliert" wird. Bei uns stehen allerdings alle sofort auf der Matte, wenn ein Blister knistert.
Hier lebt bereits die vierte Generation Hund, die sich quasi von selbst auf das Knistern der Blisterverpackung beim Herausdrücken einer Tablette positiv konditioniert hat: Ich habe immer (!) jedem (!) Hund etwas von der leckeren "Medikamentenumhüllung" (natürlich ohne Medikament) spendiert, wenn ein Hund seine Tablette bekommen hat. So wird das ganze Procedere schon von Anfang an zum Ritual und erfreulichen Ereignis.
Bei misstrauischen Hunden, die den "Fremdkörper" Tablette auch aus Hackfleisch oder ähnlichem sofort aussortieren, kann die Einnahme geübt werden, indem das Medikament durch beispielsweise eine Bierhefetablette oder ein kleines Stückchen Trockenfutter ersetzt wird. Wenn sie dann feststellen, dass die "Tablette" im Hackfleisch ein zusätzliches Leckerchen bedeutet, kann das Misstrauen schwinden.
Das Einnehmen von "nackten" Tabletten kann man ebenso üben. Hierzu eignen sich auch wieder Bierhefetabletten oder andere leckere Nahrungsergänzungsmittel in Tablettenform, die der Hund sowieso freiwillig und gerne nimmt. Wenn der Hund gelernt hat, eine solche Tablette auf Signal zu nehmen, klappt das auch bei einem Medikament. Vorausgesetzt natürlich, die Pille schmeckt nicht bitter oder sonstwie eklig.
Achtung!
Medikamente immer und nur nach Ansage vom Tierarzt geben:
Die Dosierung darf nicht eigenmächtig verändert werden und bei Unverträglichkeiten sollte sofort Rücksprache mit dem Tierarzt gehalten werden.
Es gibt Tabletten, die nicht geteilt werden dürfen, die nur auf nüchternen Magen oder KEINESFALLS auf nüchternen Magen verabreicht werden dürfen, die zu festgelegten Zeiten oder in bestimmten Abständen in den Hund müssen etc. Also bitte unbedingt an die Vorgaben halten!
Und: Es wird NIEMALS einfach nach Gutdünken etwas aus der eigenen Hausapotheke in den Hund geworfen!
**Wenn ein Hund sich selbst an den Tabletten bedient und eine "Überdosis" eingenommen hat oder ein Hund, für den die Tabletten nicht bestimmt waren, diese gefressen hat: Unbedingt SOFORT den Tierarzt kontaktieren! Dasselbe gilt, wenn der Hund die Blisterverpackung (mit)gefressen hat.