Kleiner, grau-weißer Terriermix sitzt in der Wiese und schaut niedlich

Dem Schmerz auf der Spur: Sherlock Holmes & Dr. House für Hunde (Teil 1)

Die Augen offen zu halten und die Geschehnisse im Umfeld auch tatsächlich wahrzunehmen ist unverzichtbar, wenn man Geheimnissen auf die Spur kommen will. Sherlock Holmes ist das Paradebeispiel eines Genies, dem nicht die kleinste Kleinigkeit entgeht. Wer die Serie „Dr. House“ kennt, dem dürfte bekannt sein, dass sich Krankheiten manchmal sehr geschickt hinter irreführenden Symptomen verstecken. Und House findet trotzdem heraus, wie er seinen Patienten helfen kann.

Wer beneidet Holmes nicht um seine unglaubliche Beobachtungsgabe? Und wie oft schon habe ich mir einen Dr. House für Hunde gewünscht! Zugegeben, seine ruppige Art wäre nicht unbedingt mein Fall – aber wenn er dafür herausfinden könnte, wo die Pfote drückt… Grundsätzlich führt jedoch der Weg in die Tierarztpraxis für den Hund nur über seinen Menschen dorthin: wir müssen den ersten Schritt tun, damit dem Hund geholfen werden kann. Dazu bedarf es jedoch der Erkenntnis, dass dieser Schritt auch tatsächlich notwendig ist.

Den Hund nicht nur mit den Augen sehen.

Wenn man wirklich mit seinen Hunden lebt und sie nicht einfach nur so nebenherlaufen, kennt man sie nach gewisser Zeit in- und auswendig. Wenn der Australier zum Beispiel morgens auf dem Sofa liegt und „komisch guckt“, weiß ich: der fühlt sich heute nicht so prima. Kommt er jedoch nach dem Weckerklingeln zum Kuscheln ins Bett und schläft dann sogar noch einmal ein, geht es ihm gut. Für ihn und seine Befindlichkeiten habe ich mittlerweile ein recht gutes Gespür – bei unserer kleinen Terriermixin fällt mir das schon deutlich schwerer.

Rin ist eigentlich Herrchens Hund – ich bin lediglich für zweimal täglich gefüllte Näpfe sowie terrieristinnengerechte Bewegung und Bespaßung unter der Woche zuständig. Und dafür, den Mann am Wochenende daran zu erinnern, zum Gassi ein paar Leckers oder auch gelegentlich den Ball einzustecken. Rins Herz jedoch gehört einfach ganz und gar ihm, daran ändern auch meine Leckerchen oder Gassirunden inklusive Spiel- und Spaßeinlagen mit mir gar nichts. Er ist die Sonne in ihrem Universum.

Die ist ja niedlich! Was ist denn da alles drin?

Rin ist eine Terrier-Mixin mit weichem, plüschigem Fell (wir vermuten einen Anteil Malteser o.ä.), kurzen, krummen Dackelbeinen und Ringelrute. Sie kam 2011 in einem Privathaushalt zur Welt, wurde mit 8 Wochen als „Edelmix“ in einer Kleinanzeige zum Verkauf inseriert und gehört seit 2014 hier mit zur Familie. Über ihre Aufzucht und mögliche Vorerkrankungen der Eltern ist nichts bekannt – ich gehe aber davon aus, dass man sich vor der Verpaarung nicht wirklich Gedanken über dieses Thema gemacht hat…

Als unerschrockener, lebenslustiger Hund ist Rin trotz ihrer geringen Größe und ihres kuscheligen Fells alles andere als ein Schoßhund. Sie flitzte bereits mit Frau Schäferhund über matschige Feldwege, kugelte den Dude als Welpe durch die Wiese und brachte ihm von Anfang an bei, dass auch kleine Hunde bitteschön ernst zu nehmen sind. Rin hat früh gelernt, sich überall anzupassen, durchzumogeln oder durchzusetzen: ihrem netten Lächeln, den Kulleraugen und der wedelnden Plüschringelrute kann man tatsächlich nur schwer widerstehen.

Veränderungen: mach das Beste daraus.

Früher durfte Rin mit dem Mann ins Büro, seit längerem ist das jedoch nicht mehr möglich und so verbringt sie die Zeit tagsüber mit dem Dude und mir. Am Anfang war ihre Trauer groß und wir haben tatsächlich eine Weile gebraucht, um uns zusammenzuraufen. Mittlerweile entfallen aber wenigstens die Diskussionen, ob da nicht vielleicht doch Herrchen am Horizont spaziert (ein Durchstarten, um nachzusehen war anfangs nicht ausgeschlossen). Oder ob es nicht besser wäre, zuhause zu bleiben, um auf seine Rückkehr zu warten (der erste Hund, den ich zum Gassi überreden musste).

Ebendieser Hund, ihres Zeichens zur einen Hälfte Terrier, zur anderen Hälfte Schoßhund (oder besser: Gesellschaftshund), kann etwas, um das ich sie wirklich beneide: Hardcore-Chillen. Wenn Rin irgendwo ein adäquates Plätzchen gefunden hat, macht sie es sich gemütlich, die Augen zu und pennt geradezu hingebungsvoll. Aus dieser Ruhe kann sie höchstens ein klappernder Futternapf, Herrchens Ankunft zuhause oder ein ernster Alarm vom Dude wecken. In dieser Reihenfolge. Niemand kann so selbstvergessen entspannen, wie sie.

Zum Gassi überredet (nicht überzeugt!).

Mühsam wird das Ganze nur, wenn es Zeit für einen Spaziergang, Rin aber noch nicht fertig mit Chillen ist. Da braucht es schon etwas Überredungskunst, um sie von der Notwendigkeit eines Gassis zu überzeugen. Gemächliches Erheben, ausgiebiges Strecken und zuerst die Stubbelfrisur wieder in Ordnung schütteln gehören zum Ritual, bevor es losgehen kann. Wenn Rin dann in Schwung und Laune gekommen ist, stöbert sie gern in den Wiesen nach Mäusen, plantscht im Sommer in diversen Gewässern, trägt stolz riesige Stöcke herum und flitzt einfach zum Spaß den Feldweg entlang – was Hunde halt so tun.

Doch seit dem Ende des Sommers kam es zunehmend zu Diskussionen zwischen Rin und mir. Sie war immer häufiger der Meinung, dass sie zuhause in ihrem Hundebett gut aufgehoben sei. Ich könne ja allein mit dem Australier losziehen, wenn ich unbedingt bei Regenwetter spazieren gehen wolle. Da Rin längst gelernt hat, dass ein Regenmantel nicht nur lästiges Übel ist, sondern tatsächlich Schutz bietet, trägt sie ihn problemlos. Also wäre Regenwetter eigentlich kein Grund zur Gassiverweigerung. Auch ihre abendlichen Zergel- und Rauf-Runden mit dem Dude fielen immer kürzer und schließlich ganz aus.

Ursachenforschung führt nicht immer zum Ergebnis, aber...

Sollte sich unsere kleine Terriermixin mit knapp 10 Jahren tatsächlich schon aufs Altenteil zurückziehen wollen? Als schließlich im Spätherbst die Impfung anstand, bat ich darum, den Hund doch bitte richtig gründlich durchchecken zu lassen. Ein 10-kg-Hund von nicht einmal 10 Jahren, gesegnet mit durchaus terrieristischem Temperament und bei schönem Wetter noch immer locker für zweistündige Spaziergänge zu haben – ein solcher Hund liegt jetzt nicht einfach nur noch herum und ist „faul“. Eher IST da etwas faul…

Um es kurz zu machen: ein konkretes Ergebnis gab es nicht. Die Blutwerte waren alle top, das Knie mit der (bereits bekannten) Patellaluxation war in keinem akut behandlungsbedürftigen Zustand und Rin wurde ein dem Alter entsprechender ausgezeichneter Allgemeinzustand bescheinigt. Soweit man das eben beurteilen kann – so von außen. Sicherheitshalber und um zu testen, ob es eine Besserung bewirken würde, gab es auch ein Schmerzmittel mit auf den Weg. Denn das Knie und vielleicht auch der Rücken könnten durchaus Probleme bereiten, bei gewissen Wetterlagen zum Beispiel.

Des Rätsels Lösung ist (k)eine Überraschung.

Also gab es die zweite Dosis Schmerzmittel (die erste kam per Spritze beim Tierarzt) direkt am folgenden Abend. Und am Tag darauf hatten wir einen neuen Hund! Rin war wie ausgewechselt: sie lief beim Spaziergang weit voraus, rannte ihre fröhliche Acht in der Wiese und raufte abends mit dem Dude. Ich war fassungslos. Sie musste tatsächlich Schmerzen gehabt haben – ob nun im Knie oder anderswo – und zwar immerhin so sehr, dass diese ihr Allgemeinbefinden deutlich eingeschränkt hatten. Aber wie konnte mir das nur so lange entgehen?!

Tja. Hinterher ist man immer schlauer, heißt es. Rins Veränderung war schleichend und fiel zunächst nicht auf. Dass sie viel herumlag, war im Sommer der Hitze geschuldet. Im Herbst dem schlechten Wetter, bei dem sie das Haus auch schon in jungen Jahren nie wirklich gern verlassen hat. Außerdem war da immer noch der „Montags-Blues“, wenn der Mann nach zwei Tagen Wochenende wieder zur Arbeit ging. Dann kam Homeoffice von Herrchen im wöchentlichen Wechsel dazu: eine Woche zuhause, eine Woche in der Firma. Schwierig für Rin, denn eine Woche war die Welt für sie perfekt, die nächste Woche begann mit verstärktem Montags-Blues bis mindestens Dienstag.

Hinterfragt und unter die Lupe genommen.

Bei genauerer Betrachtung war es bei uns im Sommer aber gar nicht ständig richtig heiß (und Rin ist nicht hitzeempfindlich – sie liebt es, in der Sonne zu braten). Und der Herbst war weder besonders verregnet noch übermäßig kalt, im Gegenteil. Der berühmte Montags-Blues kam womöglich auch eher daher, dass Rin am Wochenende beim gemeinsamen Gassi mit Herrchen deutlich mehr Action hatte, als unter der Woche (auch wenn sie es immer noch doof findet, wenn er ohne sie zur Arbeit geht). Übrigens rannte sie die ganze Zeit über trotzdem immer mit Vollgas los, wenn man ihr den Ball freigab oder sie mit dem Super-Pfiff zurückrief…

Rin ist ein gutes und zugleich trauriges Beispiel dafür, was so viele Hunde erleben müssen: unerkannt unter Schmerzen zu leiden. Sie können nun mal leider nicht reden und sind darauf angewiesen, dass wir Menschen das Problem erkennen. Mit dem Thema Schmerzerkennung habe ich mich intensiv auseinandergesetzt und würde auch behaupten, ein gutes Gespür für den Zustand des Hundes zu haben – und trotzdem hat es einige Wochen gedauert, bis mir das Ganze seltsam genug vorkam, um etwas zu unternehmen.

Dem Hund zuliebe: Verantwortung übernehmen und aus Fehlern lernen.

Ich muss zugeben, dass das ordentlich an mir nagt: mein Herzensthema – und ich tappe in nahezu alle Fallen, die sich hier bieten… Selbstvorwürfe nutzen aber nichts – und schon gar nicht dem betroffenen Hund. Also habe ich versucht, diese Fallen aufzudecken und zu analysieren, weshalb meine Alarmglocken nicht früher geklingelt haben. Und siehe da: es kommen eine ganze Menge Faktoren zusammen! Wer aufmerksam gelesen hat, konnte sicher schon einige Hinweise finden. Rins Geschichte geht aber noch weiter und weil das komplette Thema viel zu lang für einen Artikel wird, gibt es eine Fortsetzung.

Im nächsten Blogartikel werde ich analysieren, was dazu geführt hat, dass Rins Schmerzen (zu) lange unerkannt geblieben sind. Es gibt – in der Retrospektive – etliche Hinweise, die wirklich leicht zu übersehen sind und einige Komponenten, die das Erkennen von Schmerzen deutlich erschweren. Der folgende Artikel wird Anregungen zur Beobachtung geben und gute Gründe liefern, vermeintlich bekannte Verhaltensweisen zu hinterfragen. Und nach dem letzten Tierarztbesuch kamen wir dann endlich auch den Auslösern für Rins Schmerzen auf die Schliche.
Ende Teil 1, Fortsetzung folgt.