Derzeit sieht man sie wieder in den Rapsfeldern stehen: Gelbschalen. Diese Plastikpötte auf dem Acker werden auch "Moerickeschale" oder "Moerickefalle" genannt. Wozu sie gut sind und weshalb sie im Rapsacker stehen, durfte ich vor vielen Jahren unter mächtig Adrenalin selbst herausfinden...

Mit dem Hund unterwegs

Gleich vorneweg: Selbstverständlich hat ein Hund nichts im Acker verloren – landwirtschaftlich genutzte Flächen sind kein Hundespielplatz. Wenn man aber einen Moment nicht aufpasst und einen Junghund mit großem Interesse an seiner Umgebung (und ungewöhnlichen Gegenständen) sein eigen nennt, kann das auch mal anders laufen, als geplant. Natürlich sollte das nicht passieren, aber Fehler macht jeder von uns.

Es war Mitte März, wir drehten nach Feierabend eine Runde um die Felder. Der Dude war fröhlich und untersuchte die Wegränder und Straßengräben nach interessanten Gegenständen, weil er schon damals gern Dinge fand. Weil es aber offenbar nichts zu finden gab, wurde seine Aufmerksamkeit auf eine Gelbschale im Rapsfeld gelenkt. Also steuerte nicht nur seine mentale Orientierung sondern auch die körperliche das Objekt seines Interesses ziemlich zügig an.

Curiosity killed the cat

Bevor ich noch irgendwie eingreifen konnte, hatte ihn sein Forscherdrang übermannt: Er hüpfte begeistert mit den Pfoten auf die Schale und das Gitter, das zur Abdeckung dient, wirbelte in die Luft. Was den kleinen Cattlemann jetzt nur noch mehr erfreute! Um zu verhindern, dass er die Schale oder das Gitter beim Spielen beschädigte, machte ich mich schnellen Schrittes auf den Weg ins Feld, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten und alles wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen.

Da wir schon ein Weilchen unterwegs gewesen waren und der Dude offenbar durstig, nutze er die Zeit bis zu meiner Ankunft an der Schale, um daraus zu trinken. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir nie Gedanken gemacht, warum die Schalen aufgestellt werden und was wohl darin enthalten sein möge. Jetzt schossen mir sehr plötzlich einige erschreckende Möglichkeiten durch den Kopf! Doch zu spät – der Dude hatte bereits mehrere ordentliche Schlucke aus der Schale genommen.

 

Mit Blaulicht in die Klinik...

Im ersten Moment hoffte ich einfach nur, dass ja wohl niemand Gift in einer offenen Schüssel auf einem Acker aufstellen würde. Dann sah ich das Logo eines großen Chemie-Konzerns und einen Produktnamen auf der Seite der Gelbschale aufgedruckt. Meine Begleitung fotografierte die Schale und suchte im Internet nach Informationen zum Produkt, während ich (etwas aufgelöst) in der Tierklinik anrief. Was dann folgte, lässt mich heute noch den Kopf schütteln.

Fragt man die große Suchmaschine nach dem aufgedruckten Produktnamen, findet man unter anderem Folgendes: "Kann bei Verschlucken (...) tödlich sein." und "Sofort Giftinformationszentrum/Arzt anrufen.", aber auch "KEIN Erbrechen herbeiführen.". Jetzt war ich wirklich in Panik, denn mein Hund hatte definitiv mehrere Schlucke aus dieser Gelbschale getrunken! Auf dem Weg zurück zum Auto hatte ich also die Tierklinik am Ohr, um uns anzukündigen.

...oder doch nicht?

Man sagte mir, ich solle so schnell wie nur möglich vorbeikommen, damit man dem Hund sofort ein Brechmittel spritzen könne. Moment – in der Produktbeschreibung steht aber ausdrücklich, dass auf keinen Fall Erbrechen ausgelöst werden soll?! Doch man versicherte mir, das Gift müsse schnellstmöglich aus dem Magen, ich solle mich beeilen. Zur Not könne ich ja noch eben das Produktdatenblatt ausdrucken und mitbringen. Leider stand ich auf einem Parkplatz, ganz ohne Drucker.

Mein Begleiter versuchte in der Zwischenzeit, im Internet mehr über die Gelbschale herauszufinden, während mir erste Zweifel kamen, ob die Person am Telefon der Klinik die Lage tatsächlich richtig eingeschätzt hatte. Doch was tun? Abwarten? Dann könnte der Hund in Kürze tot umfallen. In die Klinik fahren? Erbrechen darf er nicht – aber das wäre genau die Behandlung, welche die Tierklinik einleiten würde. Eine andere Klinik anrufen? Ich war wirklich völlig verzweifelt!

 

Daten und Fakten

Doch dann kam die Erlösung in Form des an vielen Stellen so verachteten "Dr. Google": In den Gelbschalen befindet sich einfach kein Gift. Bei dem Aufdruck handelt es sich lediglich um "Werbung" des Chemiekonzerns für sein Produkt, mit dem später die Felder gespritzt werden. Die Gelbschalen sind nur mit Wasser gefüllt, dem maximal ein Spritzer Spülmittel beigefügt wird, um die Oberflächenspannung aufzuheben. Die Rapsschädlinge werden von der gelben Farbe angelockt und ertrinken in der Schale.

Nachdem mittels Gelbschale der Schädlingsdruck durch Auszählen der darin gefangenen Tiere ermittelt wurde, kann entschieden werden, ob und in welchem Umfang chemische Schutzmaßnahmen für den Raps sinnvoll sind. Und weil der Hersteller des Spritzmittels natürlich möchte, dass der Landwirt sich für sein Produkt (und nicht das der Konkurrenz) entscheidet, bringt man sich und sein Produkt in Erinnerung: Der aufgedruckte Name des Giftes auf der Gelbschale.

Hätte, hätte, Fahrradkette

Tja, wie heißt es so schön: Hinterher ist man immer schlauer. Hätten wir nicht nach dem Produktnamen, sondern direkt nach der Gelbschale ge"suchmaschine"t, wäre uns die ganze Aufregung erspart geblieben. Hätte die Dame am Telefon der Tierklinik gewusst, was es mit den Gelbschalen auf sich hat, hätten wir uns vermutlich mit einem erleichterten Lachen am Telefon voneinander verabschiedet. Und weil ja nicht jeder alles wissen kann, rief ich erneut in der Klinik an, um Entwarnung zu geben.

Ich ging damals davon aus, dass ich nicht die Einzige sein konnte, die sich mit dem Thema noch nicht auseinandergesetzt hatte. Dass man mir aber nicht glaubt, wenn ich aus einem Produktdatenblatt zitiere und deshalb einen völlig falschen Behandlungsansatz ankündigt, hat mich genauso enttäuscht, wie entsetzt. Und dass mein nachträglicher Aufklärungsversuch mit "Das müssen Sie selbst wissen, wir sind nicht Schuld, wenn der Hund stirbt." kommentiert wurde, verstört mich bis heute.

 

Manchmal, aber nur manchmal...

Selbstverständlich ist es NICHT ratsam, in einem (vermeintlichen) Notfall erst einmal auf eigene Faust zu recherchieren, ob eine (und welche) Behandlung angesagt ist. Wir waren zu zweit, hatten noch gut 15 Minuten bis zum Auto – das war genügend Zeit, um die Lage zu klären und trotzdem "auf dem Sprung" zu sein – und zudem schon die Klinik am Telefon. Doch letztendlich ersparte es dem Dude eine vollkommen unnötige "Kotzspritze", die ihn im Ernstfall vielleicht das Leben hätte kosten können.

Der Dude selbst war einfach fröhlich und guter Dinge. Auch wenn ich ihn – natürlich nur vorsichtshalber – den ganzen Abend nicht aus den Augen ließ. Und künftig jeden sehnsüchtigen Blick Richtung Gelbschale mit einem "Nee, lass uns was anderes machen!" kommentierte und umlenkte. Er hätte doch zu gerne noch einmal mit diesen tollen Schüsseln gespielt, die jemand offenbar nur zu seinem Vergnügen auf dem Acker aufgestellt hatte...

Fazit: In den Gelbschalen befindet sich kein Gift. Spülmittel ist aber auch in geringen Mengen nicht gesund für Hunde – also bitte verhindert, dass der Vierbeiner mit den Gelbschalen in Kontakt kommt. Der Hund sollte ein eingesätes Feld sowieso nicht betreten.

Wenn der Verdacht besteht, dass der Hund eine schädliche oder giftige Substanz aufgenommen hat: Sofort Tierarzt/Tierklinik und Giftnotruf kontaktieren!

Alter, Gewicht und Zustand des Hundes
Was hat der Hund aufgenommen?
-> Möglichst genaue Bezeichnung der Substanz bzw. des Produkts (Foto machen!)
Wie viel hat der Hund davon aufgenommen?
-> Möglichst genaue Mengenangabe
Wann hat der Hund das Gift aufgenommen?
-> Uhrzeit!
Wie ist es passiert?
-> Verschlucken, Einatmen, Hautkontakt...

Auch wenn der Giftnotruf nicht explizit für Haustiere gedacht ist, kann man sich dort beraten lassen.
Wir durften einige Jahre später auch das schon "ausprobieren", als sich der Dude mit Fliegenpilzen vergiftet hatte.
Tierarztpraxis und Giftnotruf haben sich miteinander beraten, weil keiner von beiden bis dato einen solchen Fall erlebt hatte.

Sollte unter der gewählten Nummer niemand erreichbar sein, kann auch der Giftnotruf eines anderen Bundeslandes Auskunft erteilen.

Rufnummern des Giftnotrufes in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Giftnotruf der Charité Universitätsmedizin Berlin
Hindenburgdamm 30, 12203 Berlin
Notruf: 030 192 40

Informationszentrale gegen Vergiftungen
Adenauerallee 119, 53113 Bonn
Notruf: 0228 192 40

Gemeinsames Giftinformationszentrum der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen
Nordhäuser Straße 74, 99089 Erfurt
Notruf: 0361 730 730

Vergiftungs-Informations-Zentrale
Mathildenstr. 1, 79106 Freiburg
Notruf: 0761 192 40

Giftinformationszentrum-Nord der Länder Bremen,Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein (GIZ-Nord)
Robert-Koch-Straße 40, 37075 Göttingen
Notruf: 0551 192 40

Giftinformationszentrum Rheinland-Pfalz/Hessen
Gebäude 601, Langenbeckstraße 1, 55131 Mainz
Notruf: 06131 192 40

Giftnotruf München
Ismaninger Straße 22, 81675 München
Notruf: 089 192 40

Österreich
Vergiftungsinformationszentrale
Stubenring 6, 1010 Wien
Notruf: 01 406 43 43

Schweiz
Schweizerisches Toxikologisches Informationszentrum (Tox Info Suisse)
Freiestrasse 16, 8032 Zürich
Notruf: 145